Alle e+n Mitarbeiter lernen programmieren

Alle e+n Mitarbeiter lernen programmieren

"Jeder Mensch in diesem Land sollte lernen, wie man einen Computer programmiert, weil es dich denken lehrt." (Steve Jobs)

Vor etwa zehn Jahren war ich ein wahnsinnig unkonzentrierter Mensch: Ich hatte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Mediengestalter bei einer Werbeagentur gemacht; das war der ideale Beruf für einen Schlamper wie mich: Man musste nicht viel können oder wissen; die Programme waren einfach zu erlernen, die Gestaltungsprinzipien beherrschte ich bald intuitiv. Am besten war aber, dass Gestaltung, insbesondere in der Werbung, in einer wunderbaren Grauzone stattfand: Wie gut ein Auftrag erfüllt war, war nur schwer objektiv messbar. Wer konnte wirklich beurteilen, ob beispielsweise ein Flyer "gut" gestaltet war, oder ob dieser sein Kommunikationsziel erfüllte? Man bekam von einem Kunden ein unbeholfenes Briefing, danach schlurfte man an seinen Schreibtisch, suchte ein halbwegs passendes Bild auf iStock, dann klatschte man irgendeinen Spruch drüber ("Schlemmen und Sparen") und dann schickte man den Mist an den Kunden zur Begutachtung – Fertig.

Mein Leben war ein ähnlich anspruchsloses Gewurschtel: Ich hatte viele Ideen und Pläne, aber alles blieb stets an irgendeiner Stelle stecken – einfach weil ich mich verzettelt hatte oder weil ich wegen irgendeiner Kleinigkeit gar nicht erst angefangen hatte. Beruflich hatte ich mich beispielsweise in den Bereich des Webdesigns vorgetastet. Hierfür – das liegt einfach in der Natur der Sache – wäre eigentlich das Schreiben von Code notwendig gewesen. Da ich jedoch in der Schulzeit über mich selbst gelernt hatte, dass ich "nicht gut in Mathe und so Kram" war, versuchte ich einfach, das eigentliche Coding auszuklammern. Meine Antwort auf dieses Problem war Macromedia Dreamweaver – der heilige Gral aller Medienschlamper. Der Dreamweaver erlaubte es, Webinterfaces einfach per Drag & Drop zusammenzubasteln; im Hintergrund übersetzte das Programm dieses Gebastel dann in unsauberes HTML, welches man dann einfach auf seine "Personal Homepage" laden konnte. Eines meiner Machwerke aus dieser Zeit kann man sogar noch online bestaunen – wenn auch nur auf der Wayback Machine.

Kurz bevor mein Studium begann, machte ich ein Praktikum bei "donau.de", einer Drei-Mann-Firma, die damals als ihr einziges Projekt die Website der Mittelbayerischen Zeitung betreute. Donau.de hatte keine eigenen Büroräume, sondern war in einem unordentlichen Raum im Keller der MZ untergebracht. Donau.de hatte nur einen Programmierer – Mathestudium, Pferdeschwanz, Live-Rollenspiele, Schwarzbier-Trinker, also das volle Programm. Er schrieb dabei in der heute eher selten anzutreffenden Script-Sprache PERL. Eines Nachmittags trat dieser Entwickler an mich heran, um ein kleines HTML-Tabellen-Layout zu bauen. Aber wie? Auf meinem schrottreifen Praktikanten-Rechner war ja gar kein Dreamweaver installiert. Ich erntete nur ein verächtliches Grunzen des bezopften Nerds: "Du brauchst nur ein Notepad. Und eine Tabelle bauen ist kein Programmieren." Schliesslich liess sich der Kollege doch noch dazu herab, mir eine kurze Einweisung zu geben. Er erklärte mir, wie eine HTML-Seite aufgebaut war und wie man mit Hilfe von Tags eine Tabelle konstruieren konnte. Die Regeln waren überraschend einfach und absolut logisch: Alles was man einmal verstanden hatte, verhielt sich für immer gleich. Wenn man eine Tabelle bauen wollte, musste man drei unterschiedliche Tags kennen. Und wenn man keinen Fehler gemacht hatte, erschien die Tabelle genau so, wie man sie geplant hatte. Wenn sie nicht richtig aussah, dann lag das an einem konkreten Fehler, den man aber finden und dann beseitigen konnte – für immer.

Die zwingende Sauberkeit und Klarheit dieser Tätigkeit hatte mich in ihren Bann geschlagen. Das Schreiben von Code unterschied sich völlig von anderen kreativen Betätigungen die ich bisher gekannt hatte: Hier galten feste Regeln. Nichts hing von der wechselhaften Meinung eines Kunden oder irgendwelchen Geschmacksfragen ab. Eine Aufgabe war erfüllt, oder sie war es eben nicht. Und die Maschine gab unmittelbares und unbestechliches Feedback. Das Wochenende verbrachte ich am Rechner, und viele andere Wochenenden danach auch. Ich lernte HTML, CSS, JavaScript und vor allem PHP. Später im Studium legte ich meinen Schwerpunkt auf Programmierung.

Und warum erzähle ich das jetzt alles in derart epischer Breite? Weil das Programmieren mein Leben zum Positiven verändert hat. Programmieren hat mir gezeigt, wie man riesige, unübersichtliche Probleme systematisch in lauter kleine verständliche Teilaufgaben aufgliedern kann. Programmieren hat mir gezeigt, wie man seine Gedanken so sehr auf ein einziges Problem konzentrieren kann, dass man alles um sich herum vergisst. Programmieren hat mir gezeigt, dass zermürbender Frust und ekstatischer Triumph sehr nahe beisammen liegen. Und nicht zuletzt: Hätte ich nicht das Programmieren in mein Leben gelassen, würde es heute kein eins+null geben; ich würde wahrscheinlich in irgendeiner Werbeagentur schlechte Anzeigen gestalten und unaufhaltsam auf die Lebenskrise zusteuern.

 

About the author

{Name.XML}

Lukas Ebner

Kommentare

Bis jetzt wurde der Beitrag noch nicht kommentiert.

Kommentar verfassen